Wertstoffhof

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Soll am 2. Mai wieder öffnen: der Wertstoffhof an der Lerchenstraße, eine von vier Einrichtungen, die wegen des Skandals vorübergehend schließen mussten.

VIDEOÜBERWACHUNG UND SCHLIESSFÄCHE

Nach Razzia: Wertstoffhöfe jetzt Hochsicherheitszone

  • vonPeter T. Schmidt

München – Die Stadt zieht erste Konsequenzen aus dem Hehlerei-Skandal. Die Wiederverwendung brauchbarer Ware soll neu organisiert werden. Außerdem findet künftig eine lückenlose Überwachung mit Videokameras statt.

So schnell wie möglich sollen die nach dem Hehlerei-Skandal geschlossenen Wertstoffhöfe mit neuem Personal wieder öffnen. Die Überwachung wird verschärft, und der Verkauf noch brauchbarer Möbel und Haushaltsgeräte wird völlig neu organisiert.

Noch immer kann Kommunalreferent Axel Markwardt nur auszugsweise sagen, wie der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) auf kriminelle Machenschaften in mehreren Münchner Wertstoffhöfen reagieren wird. „Wir haben noch keine Akteneinsicht“, sagte er bei einer Pressekonferenz am Freitag. Doch in groben Zügen ist klar, was die Polizei-Razzien am 13. März zu Tage brachten: Wertstoffhof-Mitarbeiter und externe Hehler schafften offenbar in großem Stil Fernseher, Computer und Elektrogeräte beiseite und verkauften sie. „Dreistigkeit und kriminelle Energie, gepaart mit extremer Dummheit und Geldgier“ attestiert Markwardt den Verdächtigen. Schließlich setzten sie ihren sicheren Job im öffentlichen Dienst aufs Spiel.

„Die meisten Verfahren sind wegen Geringfügigkeit eingestellt worden“

Laut Markwardt sind 24 Mitarbeiter verdächtig, laut Staatsanwalt Peter Preuß wird sogar gegen 28 ermittelt. 18 Mitarbeiter seien sofort freigestellt worden, so Markwardt. Sieben von ihnen haben inzwischen Auflösungsverträge unterschrieben, vier wurden gefeuert.

Das Problem ist nicht neu. Schon vor gut zehn Jahren, so Zweiter Werkleiter Helmut Schmidt, habe es Hinweise gegeben. „Wir haben dann nach Dienstschluss mit Video überwacht und gesehen, dass fünf Minuten nach Schließung Fernsehgeräte im Anhänger vom Hof gekarrt worden sind.“ Ein Mitarbeiter wurde entlassen, „aber das hat offenbar nicht nachhaltig gewirkt“. Auch in den Jahren danach habe es immer wieder Hinweise gegeben, man habe viele Anzeigen erstattet, „aber die meisten Verfahren sind wegen Geringfügigkeit eingestellt worden“. Vor fünf Jahren habe ein Zeuge „eine Stunde vor der Gegenüberstellung einen Rückzieher gemacht“.

Imageverlust für Wertstoffhöfe gravierender als materieller Schaden

Der Anstoß zu den aktuellen Ermittlungen kam von außerhalb: „Es war eine Zufallserkenntnis aus einem anderen Ermittlungsverfahren“, bestätigt Preuß. Laut Markwardt soll es um Prostitution und Menschenhandel gegangen sein. Die Fahnder gingen dem Hinweis nach – und wurden fündig. Zwei Personen, die laut Preuß „der Abnehmerseite“ zuzurechnen sind, sitzen noch in Untersuchungshaft, gegen 32 Personen wird wegen Diebstahls und Hehlerei ermittelt.

Der materielle Schaden lässt sich laut Markwardt schwer beziffern. Gravierender sei ohnehin der Imageverlust, der alle 100 Mitarbeiter der Wertstoffhöfe treffe.

Wertstoffhöfen mit Video und elektronischen Schließanlagen überwachen

Markwardt will nun – im Einvernehmen mit der Personalvertretung, wie er betont – den Betrieb auf den Wertstoffhöfen lückenlos mit Video und elektronischen Schließanlagen überwachen, das schon vor Jahren eingeführte Rotationsprinzip verschärfen und die Zahl der Aufsicht führenden Meister erhöhen. Zudem sollen alle Mitarbeiter Namensschilder bekommen. Man könne Diebstahl nie gänzlich ausschließen, „aber wir wollen die Hürden so hoch wie möglich machen“.

Gleichzeitig versucht der AWM mit Hochdruck, die Lücken im Personal aufzufüllen, um die vier geschlossenen Wertstoffhöfe wieder öffnen zu können. Vier Vorstellungsrunden mit je sechs Bewerbern gehen dieser Tage über die Bühne, zwei Mitarbeiter aus dem Müllsammeldienst wurden an Wertstoffhöfe abkommandiert, und zwei Teilzeit-Beschäftigte arbeiten vorübergehend Vollzeit. Am 2. Mai soll der Wertstoffhof an der Lerchenstraße wieder öffnen, sobald wie möglich soll jener an der Lochhausener Straße folgen. Mitte des Jahres hofft der Kommunalreferent auch an der Truderinger Straße den Betrieb wieder aufnehmen zu können. Am längsten wird der Hof an der Arnulfstraße geschlossen bleiben.

Bisher profitierten vor allem ausländische Händler und Münchner Flohmarkthändler

Völlig offen ist derzeit, wie es mit der Wiederverwendung brauchbarer Waren aus den Wertstoffhöfen weitergeht. Die Halle 2, in der diese Waren bisher verkauft wurden, ist derzeit geschlossen und bietet laut Markwardt keine langfristige Perspektive. Der Kommunalreferent sucht nicht nur einen neuen Standort, sondern stellt das System an sich in Frage.

Bisher profitierten laut Schmidt vor allem ausländische Händler und Münchner Flohmarkthändler von dem System, nicht aber die bedürftigen Münchner. Nun will der AWM Alternativen ausarbeiten, über die der Stadtrat entscheiden soll. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht vom Beispiel Hamburg, wo man – bei höheren Verkaufspreisen – auf Qualität statt Masse setzt, bis zur Überlegung, das Geschäft mit wiederverwendbarer Ware ganz oder teilweise an karitative Organisationen auszulagern.

Peter T. Schmidt