Umdenken bei der EntsorgungShanghai entdeckt das Recycling

Stand: 22.07.2019 04:00 Uhr

Was Mülltrennung angeht, ist China bisher ein Entwicklungsland: Alles landet in einer Tonne. In Shanghai ist damit nun Schluss. Die Stadt hat eine riesige Mülltrennungs- und Recyclingkampagne gestartet.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Natürlich zeige sie gerne die vier neuen Mülltonnen, sagt Anwohnerin Cao Jingmei und marschiert in den Hinterhof des Mehrfamilienhauses im Shanghaier Stadtteil Xuhui. Und dort stehen: eine Tonne für trockenen Restmüll, eine für feuchten Restmüll und dann noch die rote und die blaue Tonne für Gefahrenstoffe und Recycling-Material. Weil die Mülltonnen in Shanghai, anders als in Europa, täglich geleert werden, sind sie relativ klein.

“Dies hier ist die Tonne für Gefahrenstoffe: alte Akkus oder abgelaufene Medikamente”, sagt Cao. “In die blaue Tonne kommen Dinge, die recycelt werden – also Wertstoffe, für den man noch Geld bekommt.” Die von der Shanghaier Stadtverwaltung verordnete Mülltrennung ist das Gesprächsthema Nummer eins in der größten Stadt Chinas.

Shanghai führt Mülltrennung ein
tagesschau24 12:00 Uhr, 22.07.2019, Tamara Anthony, ARD Peking

Verpackungen, Elektroschrott, volle Windeln, leere Flaschen – bisher landete alles in einer Tonne. Küchenabfälle wurden auch einfach auf die Straße gekippt. Damit ist jetzt Schluss: Seit einigen Wochen erklärt die Stadtverwaltung der Bevölkerung intensiv die neuen vier Müll-Kategorien – mit Postern und Broschüren im Briefkasten. Außerdem sind nach Medienberichten rund 30.000 freiwillige Helfer unterwegs, um den Shanghaiern das Mülltrennen zu erklären.

Recycling in Shanghai | Bildquelle: AFP

galerie

In modernen Abfallstationen wird der Müll sortenrein gesammelt.

Bunte Tonnen verwirren noch

Anwohnerin Cao findet das alles eine gute Sache, erzählt sie, aber: “Was gehört nun in welche Tonne? Manchmal weiß ich das immer noch nicht so richtig”, sagt sie. Alte Maiskolbenreste zum Beispiel. “Feuchter oder fester Restmüll? Ich muss also manchmal immer noch nachfragen, bevor ich trenne.”

Trockener und feuchter Restmüll – in Deutschland würde man sagen: schwarze und braune Tonne. Hier herrscht unter den Shanghaiern die größte Verwirrung. Klar ist aber: Innerhalb weniger Wochen ist Shanghai tatsächlich ein bisschen sauberer geworden.

“Die Restaurants schmeißen ihre Essensreste nun nicht mehr einfach auf die Straße, das ist gut! Damit müssen wir uns jetzt nicht mehr herumärgern”, sagt Straßenkehrer Hu Sigong. Und er ist auch ein bisschen stolz auf seinen Arbeitgeber, die Stadt Shanghai:  “Wir hatten eine spezielle zweitägige Fortbildung. Da wurden uns die Vorteile des neuen Konzepts vorgestellt und erklärt, dass Shanghai landesweit ein Vorreiter bei der Mülltrennung ist.”

Müllsammler verlieren Einkommensquelle

Die einzigen, denen die neue Mülltrennungsoffensive gegen den Strich geht, sind die bisherigen Müllsammler. Männer und Frauen wie Liu Ming. Der 60-Jährige steht an einem öffentlichen Mülleimer und stapelt zerknautschte Plastikflaschen auf die Ladefläche seines kleinen Elektrowägelchens. Für ein halbes Kilogramm Kunststoff oder Pappe bekommt Liu von einem Rohstoffhändler am Rande der Stadt umgerechnet acht Cent.

Doch nun kümmern sich alle selbst ums Recycling, klagt der Müllsammer. “Ende des Jahres höre ich auf damit. Dann gehe ich zurück aufs Land, in meine Heimatstadt. In Shanghai kann ich so nicht mehr über die Runden kommen.”

Ein paar Hundert Meter weiter steht die 68-Jährige Zhou Hongmei an einer Mülltonne. “Die lassen uns nun nicht mehr auf die Grundstücke, um Müll einzusammeln. Ich kann also nur noch die öffentlichen Mülltonnen am Straßenrand absuchen.”

Papiersammler in Shanghai | Bildquelle: AFP

galerie

Für die Müllsammler in Shanghai war die Einführung des Recyclingprogramms eine schlechte Nachricht.

Die nur 1,55 Meter kleine Frau fischt einige alte Pappkartons aus der Tonne. Früher habe sie sich so 25 bis 35 Euro im Monat dazuverdient. “Bisher konnte ich mit dem, was ich durchs Einsammeln verdiene, meine täglichen Lebensmitteleinkäufe bezahlen. Das geht jetzt nicht mehr. Wenn das so weitergeht, höre ich auf.”

Öffnungszeiten für Mülltonnen

Über etwas ganz anderes macht sich Anwohnerin Cao Gedanken: “Wir dürfen die Mülltonnen nur noch zwischen 7.30 und neun Uhr vormittags und zwischen 17.30 und sieben Uhr abends benutzen. Wir müssen uns beim Abendessen also ganz schön beeilen, damit wir noch dazu kommen, danach die Küchenabfälle zu entsorge