Wiederverwendung ist
Abfallvermeidung
Tipps und Praxisbeispiele für Kommunen
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Länger nutzen schont Ressourcen
Je länger Möbel, Elektrogeräte oder Baumaterialien
genutzt werden, desto besser. Angesichts des enormen
Ressourcenverbrauchs für Herstellung, Nutzung und Entsorgung schützt eine lange Nutzungsdauer Umwelt und
Klima und verringert Eingriffe in die Natur. Daher hat
die Wiederverwendung, auch „Re-Use“ genannt, gesetzlich Priorität vor Recycling und energetischer Verwertung.
Kommunen und öffentlich-rechtliche Entsorgungsunternehmen tragen die Verantwortung, dass „Re-Use“ auch
auf der lokalen Ebene bevorzugt wird. Sie haben den
Kontakt zu den Bürgern und Zugang zu großen Mengen
an nutzbarem oder reparaturfähigem Material, etwa
von Recyclinghöfen, von Sperrmüllsammlungen und
Haushaltsauflösungen. Erfolgreiche Pilotprojekte und
Initiativen zeigen, dass sich Menge und Qualität der
Wiederverwendung deutlich steigern lassen und „Re-Use“
viele Vorteile für Kommunen und ihre Betriebe bietet.
Vorteile für Kommunen
Kommunen und öffentlich-rechtliche Entsorgungsunternehmen profitieren von der Wiederverwendung, denn
diese …
… kann in lokale Klimaschutz- und Effizienzstrategien
integriert werden.
… bietet soziale Chancen für den lokalen Arbeitsmarkt.
… bringt lokale Wertschöpfung und schließt Kreisläufe.
… stärkt die Abfallberatung nach § 46 Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) und fördert korrekte Mülltrennung.
… ist gut für das kommunale Image.
… ermöglicht Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit, mit
denen Kommunen und Entsorgungsunternehmen ihr
Profil schärfen können.
Vorbehalte abbauen
Viele vermeintliche Probleme erweisen sich bei näherer
Betrachtung als lösbar. Häufige Vorbehalte von Kommunen
sind:
„Die Kommune muss wirtschaftlich das Optimum aus dem
Sperrmüll herausholen. Recycling und Müllverbrennungsanlagen erhalten deshalb oft den Vorzug vor Aufarbeitung
und Weiternutzung.“
Die Abfallhierarchie gibt die Priorität vor. Bei lokalen Kreisläufen und Wertschöpfungsketten der Wiederverwendung
entsteht keine Konkurrenz zum Recycling. Auch ein wiederverwendetes Gerät oder Möbelstück wird irgendwann
zu Abfall und kann dem Recycling zugeführt werden.
Sammlung und Erfassung müssen aber gewährleisten, dass
das Material von Anfang an getrennt wird.
„Bei uns teilen sich die Wohnungsentrümpler schon den
Markt.“
Das Potenzial ist dennoch riesig. Konkurrenz für öffentlich
finanzierte Wiederverwendung sind eher neue, qualitativ
minderwertige Billigprodukte.
„Wiederverwendung ist nicht wirtschaftlich.“
Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit von sozialpolitischen Maßnahmen sind große Herausforderungen für Sozialunternehmen und kommunale Wiederverwender. Wiederverwendung kann sich aber wirtschaftlich tragen, wenn
die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören ein stabiles Angebot, gute Qualität und eine optimierte Logistik.
„Es gibt zu viele rechtliche Unsicherheiten: Haftungsfragen, Vergabeschwierigkeiten oder die Frage, wie weit die
Gemeinde hier wirtschaftlich tätig sein darf.“
Wenn der politische Wille da ist, lassen sich rechtliche
Unsicherheiten klären. Viele Kommunen haben bereits
Erfahrungen und juristisch abgesicherte Lösungen gefunden. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und
das Projekt RECOM geben gern Ratschläge und vermitteln
Kontakte (siehe Seite 6).
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Wiederverwendung: ein gesetzlicher Auftrag
Vorgaben für die EU-Staaten
Die europäische Abfallrahmenrichtlinie (AbfRRl) wurde
2008 novelliert. Dabei wurde eine fünfstufige Abfallhierarchie eingeführt. Die AbfRRl verpflichtet die Mitgliedstaaten, Maßnahmen zur Förderung der Wiederverwendung zu
ergreifen, insbesondere durch die Unterstützung von Wiederverwendungs- und Reparaturnetzwerken (Art. 11 (1)).
In Deutschland wurde aufgrund der AbfRRl 2012 das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) verabschiedet. Dieses greift
die Hierarchie auf und benennt die Wiederverwendung
von Erzeugnissen oder die Verlängerung ihrer Lebensdauer
explizit als Abfallvermeidung (§3 KrWG). Die öffentlichrechtlichen Entsorgungsunternehmen sind zur Information und Beratung über Möglichkeiten der Vermeidung
verpflichtet (§46 KrWG).
Entsprechend den Vorgaben im KrWG hat der Bund 2013
unter Beteiligung der Länder ein Abfallvermeidungsprogramm verabschiedet. Das Programm empfiehlt Maßnahmen wie die Entwicklung von Abfallvermeidungskonzepten, die Förderung von Gebrauchtwaren oder die
Unterstützung von Reparaturnetzwerken. Insbesondere
die Bundesländer und Kommunen tragen die Verantwortung, dass die Empfehlungen umgesetzt werden.
NABU-Forderungen
´ Wiederverwendung muss kommunalpolitisch gewünscht sein und aktiv gefördert werden, um größere
Mengenströme in bestmöglicher Qualität zu erreichen.
´ Bund und Länder müssen Kommunen, Entsorgungsträger, soziale Initiativen und Unternehmen bei der
Wiederverwendung unterstützen – mit der finanziellen Förderung von Pilotprojekten, einer zentralen
Qualitätssicherung und Vernetzung, kompetenter
rechtlicher Beratung sowie der Vermittlung von
Ideen und Kooperationsmodellen.
´ Die Bundesländer müssen in ihren Abfallwirtschaftsplänen qualitative und quantitative Ziele für die Wiederverwendung in Kreisen, Städten und Gemeinden
festlegen. Aktivitäten sollten evaluiert und veröffentlicht werden.
´ Kommunen benötigen lokal angepasste Lösungen,
um nutzbares Material vor dem Sperrmüll zu retten.
Die gesetzliche Abfallberatung muss gestärkt und
einbezogen werden. Jede Kommune sollte eine StatusQuo- und Potenzialanalyse machen, um mögliche
Kooperationspartner zu finden.
Abfallhierarchie nach
AbfRRl (2008/98/EG)
Vermeidung
Vorbereitung zur
Wiederverwendung
Recycling
Sonstige Verwertung
Beseitigung
Spezialfall Elektrogeräte
Über das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG)
gibt es bereits gesetzliche Zielquoten und Regelungen,
wie mit Altgeräten umzugehen ist. Diese gelten auch für
Kommunen und öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger
und betonen den Vorrang der Wiederverwendung. Die
novellierte Elektroaltgeräte-Richtlinie der EU (2012/19/EU)
stärkt sie zusätzlich. So sollen Mitarbeiter von Wiederverwendungszentren Zugang zu den Sammelpunkten haben
(Art. 6). Die EU-Mitgliedstaaten müssen die Novelle 2014
umsetzen.
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Gebrauchtkaufhäuser
Die Stadtreinigung Hamburg gründete 2001 die Stilbruch-Betriebsgesellschaft mbH als gewerbliches Tochterunternehmen. STILBRUCH hat zwei Filialen, bietet
Haushaltsauflösungen an und ist zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb sowie Erstbehandlungsanlage für Elektroaltgeräte. Seit Juli 2011 beschäftigt STILBRUCH kein
gefördertes Personal mehr, sondern inzwischen mehr als
60 Angestellte. Das Kaufhaus bestückt – zur großen Begeisterung der Fahrgäste – seit 2010 mehr als 100 „Bücherbusse“ der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein AG (Kontakt:
info@stilbruch.info).
Weitere Gebrauchtkaufhäuser öffentlicher Entsorgungsträger (Auswahl): Die Entsorgung Dortmund GmbH betreibt
eine Möbelbörse mit der eigenen ökologischen Altmöbellinie „Ecomoebel“ (Tel.: 02 31.91 11-111). Hempels in der
Stadt Norderstedt zeigt, dass auch in ländlichen Gebieten
Gebrauchtkaufhäuser funktionieren (Kontakt: info@norderstedt.de). Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) betreibt das Kaufhaus WARENWANDEL und ist Mitglied im Dachverband Second Hand
vernetzt e.V. (Kontakt: info@warenwandel.de).
Projekt LoNaK
Der Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld startete 2010 zusammen mit dem Arbeitskreis Recycling e.V. das Modellprojekt
LoNaK (Lokale Nachhaltige Kreislaufwirtschaft). Darin
wird die Zusammenarbeit eines öffentlich-rechtlichen
Entsorgungsträgers mit einer Wiederverwendungseinrichtung erprobt. Der Arbeitskreis Recycling e.V. wurde 1984
gegründet und ist Trägerverein der „RecyclingBörsen!“ in
Herford und Umgebung (www.recyclingboerse.org). LoNaK
steht Pate für die Modellregionen des Projekts RECOM (siehe Seite 6).
Online-Angebote
Auf den Internetseiten der öffentlichen Entsorgungsträger
und Verwaltungen gibt es viele Adresssammlungen sowie
Online-Börsen, über die privat getauscht und verkauft wird
(Auswahl):
´ Der Abfallwirtschaftbetrieb München bietet einen
Reparaturführer, einen Secondhandführer sowie ein
Flohmarktportal für München und das Umland an
(Tel.: 089.23 39 62 00).
´ Bereits über 50 Kommunen nutzen ein Modul für einen
Online-Verschenkmarkt, das in eine vorhandene Internetpräsenz eingebunden wird (Kontakt: Bernd Maibaum,
info@abfallberatung.de).
´ Die Berliner Stadtreinigung stellt unter Spenden statt
wegwerfen Adressen in Berlin zusammen, wo Sachspenden für einen gemeinnützigen Zweck abgegeben werden
können (Kontakt: Abfallberatung@BSR.de).
´ Der Umweltbetrieb Bremen hat eine Online-Börse der
besonderen Art gestartet: www.pflanzenboerse-bremen.de
(Kontakt: office@ubbremen.de).
Beispiele aus der Praxis
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Baustoffbörsen
Bau- und Abbruchabfälle haben mit rund 200 Millionen
Tonnen den größten Anteil am Abfallaufkommen in
Deutschland. Einige Kommunen und Bundesländer haben
daher Baustoffbörsen eingerichtet. Die Börse ALOIS
(www.alois-info.de) wird von den Ländern NRW, Hessen
und Rheinland-Pfalz getragen. Sie ist frei zugänglich
und kostenlos nutzbar – ob privat, gewerblich oder im
öffentlichen Auftrag. Auch auf kommunaler Ebene haben
sich öffentlich geförderte Börsen etabliert, wie zum Beispiel
die Bauteilbörse im Landkreis Aschaffenburg (Kontakt:
Herr Morlok, Tel. 060 21.39 44 11) oder Bodenaushubbörsen in Bayern und Baden-Württemberg.
Spielzeug-Tauschboxen
Die Sensibilisierung für den Wert der Dinge und ihre lange Verwendung sollte früh beginnen. Zur Unterstützung
von Kindertagesstätten bieten zum Beispiel die Berliner
Stadtreinigung und die AVEA-Abfallberatung in Leverkusen Spielzeugtauschboxen an. Diese ermöglichen Tausch
und Weitergabe auch zwischen Kitas (Kontakt: umweltbildung@bsr.de, aha@avea.de).
Initiativen in anderen Ländern
Ein Vorreiter unter den sozial orientierten Wiederverwendern ist De Kringwinkel in Flandern mit mehr als 4.500
Mitarbeitern. Jährlich werden 50.000 Tonnen Material gesammelt und in den gut 100 Kringwinkel-Läden vermarktet. Das einheitliche Auftreten bei Marke, Standards und
Produktvielfalt beeinflusst das Image positiv (www.dekringwinkel.be).
In Oberösterreich hat der Landesabfallverband in Linz die
Dachmarke ReVital ins Leben gerufen und versammelt
darunter Altstoffsammelzentren, Aufbereitungsbetriebe
und Vertriebspartner (www.revitalistgenial.at).
Das Reparatur- und Service-Zentrum (R.U.S.Z.) in Wien
bietet qualitativ hochwertige und preisgünstige Reparatur-Dienstleistungen sowie ein breites Angebot an Secondhandgeräten mit Garantieleistung an (www.rusz.at).
Weitere Projekte von R.U.S.Z. Projekte sind das ReparaturNetzWerk Wien (www.reparaturnetzwerk.at), das Ressourceneffizienz-Projekt „Spenden Sie Ihre alte Waschmaschine
– Die ökosoziale Umverteilung von Haushaltsgeräten“ und
das „Waschmaschinen-Tuning“. Das R.U.S.Z war Initiator
des Österreichischen Dachverbandes sozialwirtschaftlicher
Betriebe RepaNet (www.repanet.at).
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Unterstützung und Kontakte
Aktionen zur Abfallvermeidung
An der jährlich stattfindenden Europäischen Woche zur
Abfallvermeidung beteiligen sich regelmäßig kommunale
Entsorgungsunternehmen und Verwaltungen. Zum Thema „Re-Use“ wurden unter anderem Wunderkisten für
den Tausch im öffentlichen Raum, Repair-Cafés, Näh- und
Flickstuben, Flohmärkte auf dem Recyclinghof, Büchertauschbörsen oder auch Upcycling-Bastelaktionen mit vermeintlichem Müll angeboten. Der NABU hat die Ideen und
Kontakte zusammengestellt (www.NABU.de/ewav).
Kooperationen vor Ort
Entsorgungsträger profitieren von Kooperationen mit
sozial orientierten Unternehmen oder Initiativen vor Ort.
Das Projekt „Recovery Ecological Management“ (RECOM)
unterstützt Sozialunternehmen im Gebrauchtwarenhandel,
wirtschaftlich tragfähige Partnerschaften mit Kommunen
und anderen Akteuren aufzubauen. In den Modellregionen München, Mönchengladbach, Mittweida und Frankfurt
am Main entwickelt RECOM regionale Lösungen (Kontakt:
Claudio Vendramin, c.vendramin@recyclingboerse.org;
Martin Koch, koch@uve-regional.de).
Unterstützung für Kommunen
Bei rechtlichen Unsicherheiten hilft der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) – Sparte Abfallwirtschaft
und Stadtreinigung. Gemeinsam mit dem Projekt RECOM
veröffentlicht der Verband ein Gutachten zu den „Sozialökologischen Kooperationskriterien für kommunale Entsorgungsunternehmen“ (Kontakt: Dr. Holger Thärichen,
thaerichen@vku.de).
Dachverband RREUSE
RREUSE vereint Sozialunternehmen in Europa, die in
Wiederverwendung, Reparatur und Recycling aktiv sind
(www.rreuse.org). Die 22 Mitglieder in zwölf Staaten sind
in der Regel wirtschaftliche Netzwerke auf nationaler oder
regionaler Ebene, die ökologische und soziale Anliegen
verbinden. Mitglied in Deutschland ist der Dachverband
bag arbeit (www.bagarbeit.de). Politisches Anliegen ist die
Stärkung der Wiederverwendung und der hier aktiven Sozialunternehmen in der europäischen Gesetzgebung.
www.NABU.de/wiederverwendung
Der NABU – Für Mensch und Natur
Der NABU ist mit mehr als 540.000 Mitgliedern und Förderern Deutschlands mitgliederstärkster Umweltverband. Er setzt sich bei Politik
und Wirtschaft für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und weniger Müll ein. Recycling und Wiederverwendung sind für den
NABU die Schlüssel für mehr Umweltschutz durch Kreislaufwirtschaft.
Diese Publikation wurde aus Erlösen der 11. Briefmarke mit dem Plus „Für den
Umweltschutz“ zum Thema „Ressourcenschutz“ unter dem Motto „Abfall ist
Rohstoff“ gefördert durch:
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